Salafist Pierre Vogel kämpft um seine Beliebtheit. In Hamburg versucht er, von der Wut auf den Gazakrieg zu profitieren – und präsentiert sich als Mann der leisen Töne.
veröffentlicht bei Zeit Online
Noch sind sie unentschlossen. In einem Café am Hauptbahnhof sitzen drei Mädchen mit bunten Shirts und großen Sonnenbrillen. "Lass’ jetzt mal hingehen", fordert die eine und deutet mit dem Kopf in Richtung Bahnhofsvorplatz. "Aber ich setze kein Kopftuch auf", protestiert eine der anderen und lacht. "Sonst sehe ich ja aus wie so eine Salafistin."
Es ist der bisher heißeste Tag dieses Sommers, viele Hamburger liegen am Elbstrand oder im Freibad. An diesem Samstag hat sich Pierre Vogel angekündigt, er will direkt am Hauptbahnhof sprechen, auf dem Hachmannplatz, zwischen Taxistand, Wandelhalle und Schauspielhaus. Der 36-Jährige mit dem spitzen, kupferroten Bart ist so etwas wie ein Star der deutschen Islamistenszene – ein Label, an dem er sich gerne ergötzt, genau wie an dem des "Hasspredigers".
Eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn: Ein dunkelblauer VW Sharan, Modell Family, fährt vor, dahinter ein imbissstandgroßer Anhänger — Vogels Bühne. Männer mit breiten Schultern steigen aus dem Wagen, manche tragen traditionelle Gewänder, andere "Free-Palestine"-Shirts. Sie verteilen untereinander neongelbe Ordner-Westen und bauen Lautsprecher auf.
Immer mehr Menschen sammeln sich auf dem Platz. Links die Männer, rechts die Frauen. Neben Plakaten und Fahnen hat die Polizei eine Geschlechtertrennung offiziell verboten. Doch bereits im Vorfeld hatte Vogel in einem Video auf seiner Facebook-Seite zum Verstoß gegen diese Auflage aufgerufen. "Wir werden dabei auch helfen", verspricht der Konvertit in rheinischem Singsang.
Ein Ex-Feuerwehrmann mimt den Einheizer
"Gerechtigkeit für Palästina! Welche Alternativen bietet der Islam?", das ist der Titel des Open-Air-Events – angesichts der Lage in Nahost ein brisantes Thema. Vogel will es für sich nutzen. Bisher war der Prediger vor allem im Ruhrgebiet aktiv. Doch aus Sicherheitskreisen ist zu hören, dass Vogel dort zunehmend an Beliebtheit einbüßt und sich deshalb ein neues Gebiet erschließen will. Angeblich ist er in Hamburg bereits auf Wohnungssuche. Mit seiner Predigt könnte er also zwei Ziele erreichen: Fängt er die Wut über den Krieg in Gaza auf, gewinnt er neue Anhänger. Benimmt er sich dabei angemessen, könnte er Verfassungsschutz und Medien in seiner möglichen neuen Heimat ein bisschen friedlicher stimmen.
Rund 250 Zuhörer haben sich versammelt. Sven Lau, ein Islamistenkollege Vogels, begrüßt das Publikum. Der Ex-Feuerwehrmann mimt den Einheizer. Anfang des Jahres saß der 33-Jährige in Untersuchungshaft, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, zum Dschihad in Syrien angestiftet zu haben. Tatsächlich schlägt Lau in seiner Rede schnell den Bogen vom Krieg in Gaza zur Gesamtsituation in Nahost. "Falestine, Syrien, Irak, wir haben so viele Kinder verloren!", schreit er ins Mikrofon — Falestine ist das arabische Wort für Palästina. Lau prophezeit: "Am Ende werden die Muslime siegen."
Hauptredner Vogel weiß sich besser zu verkaufen als Lau und lässt sich zu keinem lauten Groll hinreißen. Wie ein Vater, der seine Söhne von Streichen abhalten will, ermahnt er sein Publikum, auf Gewalt gegen Juden zu verzichten. "Es ist nie erlaubt, irgendeine Synagoge in Deutschland anzugreifen." Das verbiete der Islam. "Das schadet uns nur." Der einstige Katholik vermeidet es, von Israelis zu reden, seine Attacken adressiert er auf arabisch an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, seine Belehrungen beziehen sich auf "die Juden". Gegen die habe er nichts, nur, das stellt er klar: "Es gibt eben auch schlechte Juden."
Das Bühnendach schützt Vogel vor der brennenden Juli-Sonne. Sein Publikum dagegen muss schwitzen. Immer wieder schleppen junge Männer Wasser in 1,5-Literflaschen heran. "Hier Bruder", sagt einer, "kühl' deinen Nacken". Es ist Ramadan, den fastenden Muslimen ist Essen wie Trinken bis Sonnenuntergang verboten. Für die etwa 50 weitestgehend schwarz verschleierten Frauen gibt es keine Abkühlung. Einige schützen sich mit einem Sonnenschirm, andere suchen in den nahestehenden Bushaltestellen nach Schatten.
Tipps vom radikalen Koranversteher
Dicht bei den verschleierten Frauen steht eine junge Frau in einem halbdurchsichtigen roten Kleid, ihr blickdichter Unterrock bedeckt nur knapp die Oberschenkel. Ihr Name sei Haifa, sagt sie und schiebt sich lächelnd ihre rotgesträhnten, schwarzen Haare hinters Ohr, "genau wie die israelische Stadt". Haifa ist 22 und wird im Herbst ein Lehramtsstudium beginnen. Die Hamburgerin mit afghanischen und spanischen Wurzeln ist hier, weil sie sich Tipps vom radikalen Koranversteher Vogel holen will. Dass der mit ihrem Outfit ein Problem haben könnte, stört sie nicht. "Ich bin eine freie Muslimin und das bleibe ich auch." Haifa verfolgt mit Sorge die Nachrichten aus Gaza, erst neulich habe sie da so ein Video bei Youtube gesehen. Jetzt ist sie überzeugt, dass von keinem Palästinenser Gewalt ausgehe, dass die Angriffe der Hamas von den Israelis erfunden seien. Sie vertraut der deutschen Presse im Moment nicht: "Ganz ehrlich? Nachdem, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben, dürfen die doch nichts Negatives mehr sagen."
Nach zweieinhalb Stunden beendet Vogel seine Rede. In London und Pariseskalierten Pro-Palästina-Demonstrationen, erst brannten Mülltonnen und später israelische Flaggen, und in Berlin wurden antisemitische Beleidigungen skandiert — auf dem Hachmannplatz ist es ruhig geblieben. Die Hamburger Polizei zieht ein positives Fazit. Genau wie Vogel es gewollt hat. Im Anschluss bedankt er sich dort, wo er unbefangener sprechen kann als auf dem Bahnhofsvorplatz: bei Facebook. Dort postet er nach seiner sanften Predigt ein Foto. Die Karikatur zeigt den Arm eines israelischen Soldaten, der mit einem Dolch in der Form der Staatsgrenze ein palästinensisches Kind ersticht. "Möge Allah unseren Geschwistern in Gaza helfen", schreibt er. Ein Nutzer fügt im Kommentar hinzu: "Möge Allah sie vernichten."