Beirut tanzt am Abgrund
Der Krieg ist nah, doch die libanesische Hauptstadt feiert das Leben. Unsere Autorin feiert mit: Drei Abende, drei Tinder-Dates.
Die Reportage wurde im F MAG veröffentlicht
Der Krieg ist nah, doch die libanesische Hauptstadt feiert das Leben. Unsere Autorin feiert mit: Drei Abende, drei Tinder-Dates.
Die Reportage wurde im F MAG veröffentlicht
Nach den jüngsten Terrorattacken haben die Menschen in Jerusalem Angst. Viele lernen nun Selbstverteidigung, decken sich mit Pfefferspray ein, denken über Waffen nach.
veröffentlicht bei Zeit Online
Die Klinge ist 20 Zentimeter lang. Jill Shamen hält die Waffe in ihrer rechten Hand, aufrecht wie einen Regenschirm. "Messer", sagt die zierliche Frau, deren graue Locken unter dem gepunkteten Kopftuch hervorlugen. Sie spricht das Wort behutsam aus, um sie ein Kreis von etwa 30 Menschen: Mädchen im knielangen Rock, Männer in Jogginghose und mit Kippa auf dem Kopf. Sie sind hier, um sich für den Ernstfall vorzubereiten. "Messer", wiederholt Shamen. Ihre Stimme hebt sich, die Gruppe folgt ihr, alle wiederholen das Wort wieder und wieder. "Jetzt brüllt so laut, dass die Fensterscheiben bersten", fordert sie. Eine ältere Teilnehmerin zuckt bei dem Geschrei zusammen.
Shamen ist 54 Jahre alt und Trainerin am El-Halev-Center in Jerusalem. Seit elf Jahren gibt es das Zentrum in dem Zweckbau zwischen Shoppingcenter und Autohaus im Stadtteil Talpiot. Auf den Fluren liegt kirschroter Teppich aus, neben drei Sporträumen gibt es eine Bibliothek und einen Massageraum. Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder, Frauen und Menschen mit Behinderung. Durch Judo oder Karate sollen sie selbstbewusster werden. Außerdem bietet El Halev Selbstverteidigungskurse an. Bisher waren die jedoch im Vergleich zu den Kampfsportgruppen weniger beliebt. Zwei Kurse pro Woche, erklärt Shamen, mehr Nachfrage habe es nicht gegeben. Seit vier Wochen sei alles anders. "Die Anfragen sind um 1.000 Prozent gestiegen."
Die Situation in Jerusalem ist so angespannt wie lange nicht. Nachdem Ende Oktober ein Palästinenser mit seinem Auto in eine Straßenbahnhaltestelle raste und dabei ein Baby und eine junge Frau tötete, erlebt die geteilte Stadt nahezu wöchentlich neue Attentate. Ein jüdischer Aktivist wurde angeschossen, ein Kleinbus fuhr gezielt in einer Gruppe von Menschen, ein Polizist kam dabei ums Leben. Vergangene Woche ereignete sich der bisher schwerste Angriff. Zwei Männer attackierten Besucher einer Synagoge mit Äxten und Messern, fünf Menschen und die Angreifer starben. Für die Sicherheitsbehörden stellen diese Attacken ein neues Problem dar. Die Täter leben in Israel, keine Mauer, keine Checkpoints konnten sie stoppen. Die Männer hätten es ausgenutzt, dass sie sich frei in der Stadt bewegen konnten, erklärte ein Polizeisprecher nach dem Attentat in der Synagoge. Dagegen habe man noch kein Mittel gefunden.
"Angegriffen, weil wir Juden sind"
Die Jerusalemer versuchen deshalb, sich selbst zu schützen. In einem Armee-Shop im Zentrum der Stadt sind Pfefferspray und Elektroschocker inzwischen Mangelware. "Normalerweise verkaufen wir fünf Pfeffersprays am Tag", sagt ein Mitarbeiter. "Zurzeit sind es 50." In Facebook-Gruppen, in denen sonst Wohnungen annonciert werden, gibt es nun Tipps zum Umgang mit Tränengas. Eine Frau will wissen, welche Messer sie legal mit sich tragen kann. Mehrmals wird die Frage gepostet, welche Pistolen in Israel erlaubt sind.
Selbst zur Waffe greifen, darum geht es im Kurs von Jill Shamen nicht. Durch die Simulation gefährlicher Situationen will sie der Gruppe beibringen, sich ihrer Furcht bewusst zu werden. "Laut um Hilfe schreien", erklärt sie, "das muss man lernen". Achtsamkeit, Reaktionsschnelle, das sei wichtig. "Und wir machen eine gefährliche Person nicht anhand ihres Aussehens aus, sondern anhand ihres Verhaltens." Die Teilnehmer nicken, doch nicht alle wirken überzeugt. "Es ist offensichtlich, dass wir angegriffen werden, weil wir Juden sind", sagt ein Mann in den Vierzigern während einer Pause. Auch die 19-jährige Sarah widerspricht. "Ich habe keine Angst", sagt sie und deutet mit ihrem Kopf in Richtung Fenster. "Ich will zeigen, dass sie nicht gewinnen können."
"Wir sind doch kein Land von kleinen Clint Eastwoods"
Mit jeder neuen Gewalttat wächst der Hass zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern. Die New York Times spricht bereits von einem Krieg unter Nachbarn. In der angeheizten Stimmung erscheint auch die Reform des israelischen Waffenrechts in einem anderen Licht. Mitarbeitern von Sicherheitsfirmen ist es nun erlaubt, ihre Pistolen und Gewehre mit nach Hause zu nehmen. Zudem wurden die Beschränkungen für den Waffenkauf gelockert. "Das ist kurzsichtig", kritisiert Galit Lubetzky. Die 32-jährige Anwältin ist Aktivistin bei No Guns on the Kitchen Table, einem Zusammenschluss israelischer Menschenrechtsorganisationen. "Wir sind doch kein Land von kleinen Clint Eastwoods", sagt sie. "Wenn die Leute in Panik eine Pistole zur Hand haben, bringt das am Ende nur neues Unglück."
Dass aus Selbstverteidigung Selbstjustiz wird, davor fürchtet sich auch Trainerin Shamen. Die meisten Menschen hätten ihre Gefühle nicht im Griff, erklärt sie nach dem Kurs in ihrem Büro. "Die beste Waffe ist ein Körper, der in Stresssituationen funktioniert." Deshalb brauche sie auch kein Pfefferspray. Allerdings, das wolle sie nicht verheimlichen, eine Pistole würde sie sich gern anschaffen. "Alle Attentäter konnten bisher nur durch einen Schuss aus einer Waffe oder durch eine Gruppe von Leuten gestoppt werden", sagt sie. "Und eine Gruppe von Leuten passt nicht in die Handtasche."
Israel ist ein beliebtes Reiseziel. Junge Urlauber schaffen dabei einen neuen Trend: Besatzungstourismus im Westjordanland. Touren dorthin werden schon im Lonely Planet empfohlen.
veröffentlicht bei jetzt.de
Melissa versteht den ganzen Trubel nicht. Gerade eben ist sie an der ersten Station ihres Tagesauflugs ankommen, ein palästinensisches Dorf, wie ihr der Tourguide erklärt. Aber Melissa sieht nur provisorische Zelte und Männer, die diskutieren. Ein israelisches Militärfahrzeug ist auch da, die Soldaten bilden den Mittelpunkt der aufgebrachten Menschenmenge. Sie sind mit Maschinengewehren bewaffnet. Die Situation wirkt brenzlig, aber Melissa gibt sich gelassen. „Keine Ahnung, was da abgeht“, sagt sie. „Aber uns Touris werden die Israelis schon nix tun.“ Das weiße Tanktop leuchtet auf ihrer sonnengebräunten Haut.
Melissa ist 20 Jahre alt, kommt aus dem Zillertal und kennt den Nahost-Konflikt nur aus dem Fernsehen. Die letzten zwei Tage war sie couchsurfen in Jerusalem, jetzt will sie „die andere Seite kennenlernen“. Deshalb hat sie sich für eine Tour ins Westjordanland angemeldet. Das Gebiet wird überwiegend von Palästinensern bewohnt und hat eine eigene Regierung, ist jedoch von Israel besetzt. Für Melissa ein spannendes Ausflugsziel – genau wie für knapp 40 andere an diesem Tag. Amerikaner, Engländer, Schweden und Deutschen, die meisten sind in Melissas Alter, müde von der Hitze sitzen sie nach dem ersten Halt im klimatisierten Bus. Die Fahrten sind begehrt, bis zu 100 Leute stehen regelmäßig auf der Warteliste. Auch Melissa hat erst einen Tag zuvor eine Zusage bekommen.
Insgesamt sechs Stunden dauert die Tour, bei der es neben viel Wüste nur ein paar versprengte Zeltdörfer und militärisch bewachte Siedlungen zu sehen gibt. Das Ganze nennt sich „Occupation Tourism“ und hat sich zu einem echten Trend entwickelt: Taxifahrer bieten Touren an die Mauer an, die Israel um das Westjordanland gezogen hat. Dort hat sich vor Jahren der Streetart-Gott Banksy verewigt, seitdem wollen alle hin und ein Foto schießen. Und sogar die israelischen Siedlungen, die teilweise illegal in den besetzen Gebieten gebaut wurden, werden als Touristenziel vermarktet. Melissas Tour hat die NGO Breaking the Silence organisiert, bei der israelische Ex- Soldaten offen über ihre Erfahrungen im Westjordanland berichten. Sie wollen kein Geld verdienen, sondern kritisch über die Situation aufklären.
„Welcome to Area C“
Tourguide Avner Gvaryahu steht vorne im Bus und gibt den Teilnehmern einen Crashkurs im Nahost-Konflikt. Der 28-Jährige hat wie viele der rund 900 Mitglieder von „Breaking the Silence“ den in Israel obligatorischen Wehrdienst im Westjordanland verbracht. „Diese Zeit hat mir die Augen geöffnet“, erzählt er. „Wir sollten die Palästinenser schikanieren und einschüchtern – und nicht Israels Sicherheit verteidigen.“ Avner erklärt, worum es dem Streit in dem Dorf eben ging: Die israelischen Behörden wollen das örtliche Wasserspeichersystem abreißen, das die EU finanziert hat. Die Soldaten waren gekommen, um die entsprechende Anordnung zu überbringen.
Schon fünf Mal wurde das Dorf zerstört, kein Haus steht mehr. Und jetzt das“, sagt er ins Mikro. „Welcome to Area C.“ Besagtes C-Gebiet umfasst rund 60 Prozent des Westjordanlands und wird komplett von Israel verwaltet. Area C, Osloer Verträge, zweite Intifada – Avner verwendet viele Begriffe, mit denen Melissa nichts anfangen kann. „Ich wusste vorher so gut wie gar nix über den Krieg“, sagt sie. Sie spricht immer von Krieg und meint damit den Nahost-Konflikt.
Die Tour steht schon im Lonely Planet
Die Hälfte der Tour ist geschafft und Melissa kann die Informationen, die Tourguide Avner gibt, kaum noch aufnehmen. „Und dort leben jetzt die Juden?“, fragt sie. Der Bus hat wieder gehalten, direkt vor einer gut bewachten israelischen Siedlung. Alle steigen aus, zücken ihre Kameras. Sie wollen den Widerspruch einfangen, der sich ihnen zeigt: Dort die sauber umzäunte Siedlung, in der Blumen blühen und hier, keine zehn Meter entfernt, Menschen, die in Zelten leben und keinen Zugang zu Wasser haben. „Das ist doch echt ungerecht“, sagt Melissa. Sie geht mit ihren Flipflops über den staubtrockenen Boden. Der pinke Nagelack bildet einen harten Kontrast zum Wüstensand.
Seit kurzem werden die Touren von „Breaking the Silence“ sogar im Lonely Planet empfohlen. „Das ist kein Drama“, sagt Tourguide Avner. „Aber auch nicht super.“ Zwar sei es gut, dass sich so viele Menschen für den israelisch-palästinensischen Konflikt interessieren. „Aber wir brauchen Leute, die nicht nur zuhören, sondern auch etwas verändern wollen.“ Deshalb bietet die Organisation nur noch einmal pro Monat eine öffentliche Tour an. Die restliche Zeit nutzen Avner und seine Mitstreiter für Informationsveranstaltungen mit ausgewählten Teilnehmern. „Unsere Zielgruppe sind junge Israelis – die haben mehr Einfluss auf unsere Gesellschaft.“
Für Melissa ist es der letzte Tag in Israel. Im Herbst beginnt ihr Studium der internationalen Wirtschaftswissenschaften. Sie sagt, sie habe jetzt eine Meinung zudem Konflikt. „Ich habe beim Couchsurfen so gescheite Leute kennenlernt“, sagt sie. „Dass die diese Ungerechtigkeit ignorieren, kapiere ich nicht.“